english
english
HU

St. Gellert Festival
Main Image
Title

Gibt es Bedarf für ungarische Kultur?
Géza Szőcs (Ungarischer Staatssektretär für Kultur)

Diese Frage kann man natürlich erst dann beantworten, wenn man bereits eine bejahende Antwort auf jene übergreifendere Frage gegeben hat, ob es denn einen Bedarf an der Kultur überhaupt gibt. Doch uns mit dieser Frage zu befassen, ist jetzt wohl kaum unsere Aufgabe. Nehmen wir aber nun einmal an, dass wir überzeugende Argumente für die These gefunden haben, dass es einen Bedarf an Kultur gibt, also von Seiten der Menschheit. Von diesem Augenblick an können wir uns dem Gegenstand des Vortrags hinsichtlich der Logik auf zwei Arten nähern.

Eine Art des Herangehens ist, jene partikuläre (und möglichst kohärente) Welterklärung aufzeigen – bildlich gesprochen: das ungarische Mandala –, das als der sublimierte Abdruck der im Universum schicksalhaft wirkenden Kräfte in der Lage ist, nur von uns (von uns Ungarn) erlebte, nur von uns enthüllte Fakten und Zusammenhänge im Hinblick auf das Dasein des Menschen zu beleuchten. Wie ist das Dasein mittels der Metaphysik einer auf "la" endenden, fallenden Melodienwelt zu deuten, was zeigt ein Gemälde von einer Libanon-Zeder von uns selbst, wohin öffnen sich die Perspektiven durch den Halbbogen eines Szekler Tores: diese und unzählig viele Fragen ähnlicher Art hat noch niemand versucht, in ein einheitliches privates ("ungarisches") System des Ästhetischen zu fassen, oder sollte es doch jemand versucht haben, so nicht allzu erfolgreich. Vielen wäre ein solches Experiment, bei dem es zweifelsohne ein Risiko bedeuten würde, wenn bei der Analyse das Augenmerk auf die nationalen Merkmale (z. B. deren Aufzählung oder Popularisierung) und nicht deren universale Botschaften gerichtet würde, vielleicht auch gar nicht sympathisch. Wir sollten an dieser Stelle zunächst nur festhalten, dass wir uns selbst diese daseinstheoretische Interpretation der ungarischen geistigen Werke vorerst noch schuldig sind – doch sollten wir auch anmerken, dass die besagte Aufgabe nicht unbedingt "auf uns wartet", die Lösung derselben ist weder unser Privileg noch unser Monopol.

Die andere Art von Logik, mit der wir möglicherweise eine Art spezieller Antwort auf das forschende Interesse nach dem Sinn der ungarischen Kultur riskieren könnten, bietet uns eine sehr viel praktischere Herangehensweise. Sie ist sehr viel funktionaler ausgerichtet und bestimmt einen Sinn der ungarischen Kultur in der Vermittlung, im Austausch geistiger Werte, in der Rolle, die sie auf diesem Gebiet spielt. Obschon diese Herangehensweise einen ausgesprochenen Dienstleistungs- oder Vermittlungscharakter besitzt, den Sinn der ungarischen Kultur also auf die Rolle eines Mediums beschränken würde, wobei vollkommen praktische Argumente dafür angeführt werden, welch nützliche Rolle die Kultur auf oben beschriebene Weise einnehmen kann, erlauben Sie mir doch – gleichsam als Metapher – eine Geschichte zu erzählen, die einem Schweizer Bekannten passiert ist.

Diesen Zürcher Bürger – nennen wir ihn Szőllősi – rief eines Tages ein unbekannter Ungar an. Er stellte sich vor und teilte ihm mit, seinen Namen dem Telefonbuch entnommen zu haben. Er schlug ihm Folgendes vor: Herr Szőllősi solle zu einer Geschäftsbesprechung kommen, bei der er ins Deutsche und aus dem Deutschen dolmetschen müsse. Es wäre nicht mehr als eine Stunde und seine Arbeit würde mit einer hübschen Summe entlohnt.

Szőllősi interessierte die Sache und er sagte zu. Am nächsten Tag fand die Besprechung unter der angegebenen Adresse, im Büro einer Firma folgendermaßen statt: Der ortsansässige Geschäftsmann, der Leiter der Firma, sprach deutsch. Das übersetzte Szőllősi ins Ungarische. Der unbekannte Anrufer, der mit einem japanischen Geschäftsmann eingetroffen war, übersetzte aus dem Ungarischen ins Japanische, und dann übersetzte er die Worte des japanischen Geschäftspartners ins Ungarische. So fand die Verhandlung zwischen dem deutschen und dem japanischen Geschäftspartner hin und zurück statt, mit der Vermittlung der beiden Ungarn.

Nach der Verhandlung lud Szőllősi seinen neuen Bekannten auf ein Bier ein, da es ihn interessierte, in was er da hineingeraten war. Der junge Mann erzählte von sich, er sei schon, seit er denken kann, von den Japanern hingerissen gewesen, er habe daher japanisch gelernt und sein größter Wunsch sei gewesen, nach Japan zu gelangen und, wenn möglich, dort zu leben. Eines Tages sei er auf die Annonce einer japanischen Firma gestoßen, die einen Dolmetscher suchte – jemanden, der aus dem Japanischen in eine europäische Sprache übersetzen könne. Da auch das Ungarische eine europäische Sprache ist, habe er sich gemeldet und die Stelle bekommen.

Das war die beste Investition der Firma – zwinkerte der aus der Ferne gekommene Ungar Szőllősi zu. Denn seitdem würde er, egal wo die Verhandlungen stattfänden, in jeder Stadt der Welt das Telefonbuch bei dem "wichtigsten ungarischen Buchstaben", dem Sz, aufschlagen. Und bislang habe er noch immer einen Szabó oder Székely oder Szilágyi oder Szántó oder Szász oder Szekeres oder Szűcs gefunden und bislang habe noch keiner mit Nein auf jene Frage geantwortet, der auch Szőllősi zustimmend geantwortet hätte. Und überall fänden die Verhandlungen hin und zurück zufriedenstellend statt, ob in Portugal oder Norwegen oder Holland.

Soweit also die Geschichte, die wir, wie gesagt, als Metapher verstehen sollten. Die auf Nutzen ausgerichtete, im Wesentlichen marktorientierte Herangehensweise an die Kultur ist, wenn es auch störend ist, was das Wesentliche angeht nicht unbedingt von ausschließlicher Natur. Die Vermittlung von Werten kann auch dann eine spirituelle Tat sein, wenn niemand dafür bezahlt.

Musik Downloads

Alle Downloads sind gemäss der generellen freien Lizenz der St. Gellért Academy freigegeben.

Magyar Himnusz
(Hungarian Anthem)
Orchester: St. Gellert Academy
Dirigent:
Robert Christian Bachmann

Inno Pontificio
(Pontifical Anthem)
Orchester: St. Gellert Academy
Dirigent:
Robert Christian Bachmann

AVE MARIA
aus "Epitaph" von
Robert Christian Bachmann
Orchester: St. Gellert Academy
Dirigent: Yoon Kuk Lee
Sopran: Lydia Rathkolb

Laudate Dominum KV 339
von Wolfgang Amadeus Mozart
Orchester: St. Gellert Academy
Dirigent: Yoon Kuk Lee
Sopran: Lydia Rathkolb

Symphony No. 7, 4th movement
von Ludwig van Beethoven
Orchester: St. Gellert Academy
Dirigent:
Robert Christian Bachmann


Seminar und
Meisterkurs Violine

Festival Archiv

Gallery

Fotogalerie

Festival Programm:
Das komplette Programm des 2009 Festivals finden Sie in unserem Archiv.